Es braucht nur ein Klavier, eine Stimme und ein bisschen Bass, ich dreh ein Stückchen lauter und es entwickelt sich was. Diesem Motto folgt das Album „Mind.State“ von Rapper Pete Philly und Produzent Perquisit. Jeder Track steht für einen anderen Gemütszustand und schafft eine neue Atmosphäre. Das Debut der beiden Niederländer ist aufwendig und liebevoll produziert. Pete Philly hinterlässt anfangs einen guten Eindruck, verstellt dafür aber zu oft seine Stimme, um cooler zu klingen. Funky, soulig und warm klingen die siebzehn Tracks der Platte. Gefühlvolle, melodiöse Jazz-Beats bekommen gelegentlich einen housigen Touch. Sie sind abwechslungsreich und durchdacht. Die Grenzen zwischen Rap und Gesang verschwimmen. Pete Philly und Perqisit haben sich für dieses Konzept-Album 18 Monate Zeit gelassen, um so jedem Fehler vorzubeugen. Sie machen keine Fehler. Jedoch lassen sich Gefühle sich nicht bis ins Detail ausproduzieren. Es ist irgendwie zu glatt. Trotzdem ist „Mind.State“ ein sehr rundes und harmonisches Album mit vielen guten Songs und einem Talib Kweli Feature.
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Martin Pohle und Jenz Steiner
Donnerstag, Mai 12, 2005
Review: Killah Priest & Black Market Militia
“Let’s start the revolution! Where is Your Heart?�, heißt es in einer Textzeile von Killah Priest. Treffender kann man das Black Market Militia Album nicht charakterisieren. Black Market ist Wu-Tang. Das hört man vom ersten Song an. Warme Soulsamples, die ans Herz gehen, werden von meist zu überladenen, recht kühlen Drumsets überrollt. Die finsteren Texte folgen keinem roten Faden. Sie sind ein Brainstorming zum Zeitgeist und zum Lebensgefühl in den USA. 11. September, Krieg, Kürzungen im Sozialsystem, Einschnitte in Menschen- und Bürgerrechte, fast nur Schwarze in den Gefängnissen als billige Arbeitskräfte. Tränen rollen in offene Särge. Wo soll das alles hinführen? Killah Priest spricht in klaren Bildern, die kitschig erscheinen, es aber nicht sind. Der zweite, etwas ruhigere Teil lässt das alte Wu-Tang-Gefühl wieder auferstehen. Die Beats sind so strukturiert, dass sie den Raps mehr Freiheiten gewähren. Man hört vierzehn Lieder mit einer souligen Note und wütenden Texten, die trotzdem ein positives Gefühl hinterlassen. Wu-Tang Fans werden an der Black Market LP ihre Freude haben. Den Kult-Charakter der großen Wu-Alben der Neunziger wird sie jedoch nicht erreichen.
Martin Pohle und Jenz Steiner
Martin Pohle und Jenz Steiner
Dienstag, Mai 10, 2005
Zwischen TrepTOWER und Ehrenmal
Wenn man auf der großen Wiese mitten im Treptower Park steht, sieht man südlich den Kopf des Rotarmisten vom Ehrenmal und nördlich den protzigen Allianz-Tower, der so gar nicht ins Berliner Stadtbild passen will.
Die gesamte russischsprachige Communitiy Berlins pilgerte gestern zum "Djen Pobedy", zum Tag das Sieges nach Treptow. Eine kleine Familie fotografierte sich gegenseitig beim Blumen niederlegen vor der Statue der trauernden Soldatenmutter. Zwei mitzwanziger Russen mit schwarzen Lederjacken, kurzen dunklen Haaren, SU-Flagge und Kassetnik saßen biertrinkend auf einer Bank und pöbelten Passanten an. Ein selbstgemaltes Pappschild am rechten Granitflügel, der als Tor zum Soldatenfriedhof fungiert, erinnerte an Pjotr Petrowitsch, gefallen am 07. Mai 1945 in Genthin. Der Regen hatte die blutrote kyrillische Schrift bereits etwas verwaschen.
In großen Delegationen, kleinen Gruppen und auch allein rückten permanent russischsprachige Menschen ein. Ausgestattet mit Blumensträussen, Fotohandys und Videokameras beschritten sie die Treppen zum Soldaten mit Kind. In die Steinritzes seines weißen Sockels klemmten sie rote Rosen. Sie steckten ihre Köpfe durch das Gitter der verschlossenen Ehrenhalle. Vor den offiziellen Kränzen der ehemaligen Sowjetrepubliken und Polens stapelten sich die Blumen meterhoch. Jemand hatte einen ganzseitigen Zeitungsartikel über das Kriegsende niedergelegt.
Eine Mutter mit dickem Lippenstift und roten Haaren ermahnte ihren Wowa, er solle nicht über die Wiese rennen. Von Trauer oder Gedenken war bei den Besucherinnen un Besuchern der Gedenkstätte nicht viel zu spüren. Ein Hubschrauber einer Filmproduktionsfirma kreiste andauernd über dem Park. Dicke Regenwolken schoben sich vor die Frühlingssonne am Nachmittag des 9. Mai 2005 in Berlin.
Foto des Ehrenmals in Berlin Treptow zu DDR-Zeiten
Die gesamte russischsprachige Communitiy Berlins pilgerte gestern zum "Djen Pobedy", zum Tag das Sieges nach Treptow. Eine kleine Familie fotografierte sich gegenseitig beim Blumen niederlegen vor der Statue der trauernden Soldatenmutter. Zwei mitzwanziger Russen mit schwarzen Lederjacken, kurzen dunklen Haaren, SU-Flagge und Kassetnik saßen biertrinkend auf einer Bank und pöbelten Passanten an. Ein selbstgemaltes Pappschild am rechten Granitflügel, der als Tor zum Soldatenfriedhof fungiert, erinnerte an Pjotr Petrowitsch, gefallen am 07. Mai 1945 in Genthin. Der Regen hatte die blutrote kyrillische Schrift bereits etwas verwaschen.
In großen Delegationen, kleinen Gruppen und auch allein rückten permanent russischsprachige Menschen ein. Ausgestattet mit Blumensträussen, Fotohandys und Videokameras beschritten sie die Treppen zum Soldaten mit Kind. In die Steinritzes seines weißen Sockels klemmten sie rote Rosen. Sie steckten ihre Köpfe durch das Gitter der verschlossenen Ehrenhalle. Vor den offiziellen Kränzen der ehemaligen Sowjetrepubliken und Polens stapelten sich die Blumen meterhoch. Jemand hatte einen ganzseitigen Zeitungsartikel über das Kriegsende niedergelegt.
Eine Mutter mit dickem Lippenstift und roten Haaren ermahnte ihren Wowa, er solle nicht über die Wiese rennen. Von Trauer oder Gedenken war bei den Besucherinnen un Besuchern der Gedenkstätte nicht viel zu spüren. Ein Hubschrauber einer Filmproduktionsfirma kreiste andauernd über dem Park. Dicke Regenwolken schoben sich vor die Frühlingssonne am Nachmittag des 9. Mai 2005 in Berlin.
Foto des Ehrenmals in Berlin Treptow zu DDR-Zeiten
Montag, Mai 09, 2005
40 Jahre Befreiung
„Wandertag“ stand vor zwanzig Jahren in meinem Hausaufgabenheft. Hinter dem Wort hatte ich, wie fast alle meine Mitschüler auch, ein kleines blaues Dreieck gemalt. Das hieß Halstuch umbinden. Ziel unseres Ausflugs war das sowjetische Ehrenmal in Berlin Treptow. Wir alle kannten schon das Bild des Rotarmisten mit dem Kind auf dem Arm, der ein Hakenkreuz zertritt. Wir kannten seine Geschichte und die unseres kleinen Landes, unserer Heimat. Viele Pioniere zogen an diesem Tag durch den Treptower Park.
Vorbei am Hafen der Weißen Flotte und der Archenhold-Sternwarte zogen wir zum großen Tor des Soldatenfriedhofs. Wir wurden kurz belehrt, wie man sich in Gedenkstätten und auf Friedhöfen verhält. Kleine Skulpturen, grüne Wiese, Blumengebinde, riesiege Kränze aus Metall und viel freie Fläche. Bis zum Rotarmisten war es jedoch noch ein langer Weg. Wir liefen und liefen und sahen ihn vor uns stehen. Die Frühlingssonne ließ die weißen Blöcke mit den Stalin-Zitaten in kyrillischer Schrift hell glänzen. Unsere Klassenlehrerin erklärte geduldig, wie uns die Rote Armee vom Hitler-Faschismus befreite. Mal hörten wir interessiert zu, mal hüpften wir lachend über die Soldatengräber, die wir gar nicht als solche wahrnahmen und mussten uns umgehend ermahnen lassen. Ich hatte einen roten Plastik-Stern an meinem Anorak. Den hatte ich wenige Tage zuvor als Auszeichnung beim Appell erhalten. Ich wusste nie so recht wofür, fand aber toll, dass ich einen hatte. Ein paar Monate später tauschte ich ihn gegen irgend ein anderes Spielzeug.
Wir flitzten die lange, steile Treppe zum weißen Sockel des Rotarmisten-Denkmals hinauf. Mich interessierte brennend, was sich hinter dem schwarzen Türchen verbergen würde. Der Zutritt blieb uns aber verwehrt. Wir konnten unsere kleinen Köpfe nur durch das schmale Gitter drücken. Ein paar Kränze, ein Mosaik – mehr gab es nicht zu sehen. Heute, zwanzig Jahre später, werde ich wieder zum Sowjetischen Ehrenmal gehen und mir ansehen, wie die Menschen heute mit diesem Jahrestag umgehen. Den „Tag der Befreiung“ zu vergessen, fiel zu DDR-Zeiten recht schwer, da jeden Mittwoch um 13 Uhr die Sirenen für eine Minute heulten, um daran zu erinnern.
Für Russland endet der Krieg gegen Deutschland erst am neunten Mai, da die Kapitualtionserklärung in Berlin Karlshorst erst einen Tag nach Kriegsende ein zweites Mal unterzeichnet wurde.
Vorbei am Hafen der Weißen Flotte und der Archenhold-Sternwarte zogen wir zum großen Tor des Soldatenfriedhofs. Wir wurden kurz belehrt, wie man sich in Gedenkstätten und auf Friedhöfen verhält. Kleine Skulpturen, grüne Wiese, Blumengebinde, riesiege Kränze aus Metall und viel freie Fläche. Bis zum Rotarmisten war es jedoch noch ein langer Weg. Wir liefen und liefen und sahen ihn vor uns stehen. Die Frühlingssonne ließ die weißen Blöcke mit den Stalin-Zitaten in kyrillischer Schrift hell glänzen. Unsere Klassenlehrerin erklärte geduldig, wie uns die Rote Armee vom Hitler-Faschismus befreite. Mal hörten wir interessiert zu, mal hüpften wir lachend über die Soldatengräber, die wir gar nicht als solche wahrnahmen und mussten uns umgehend ermahnen lassen. Ich hatte einen roten Plastik-Stern an meinem Anorak. Den hatte ich wenige Tage zuvor als Auszeichnung beim Appell erhalten. Ich wusste nie so recht wofür, fand aber toll, dass ich einen hatte. Ein paar Monate später tauschte ich ihn gegen irgend ein anderes Spielzeug.
Wir flitzten die lange, steile Treppe zum weißen Sockel des Rotarmisten-Denkmals hinauf. Mich interessierte brennend, was sich hinter dem schwarzen Türchen verbergen würde. Der Zutritt blieb uns aber verwehrt. Wir konnten unsere kleinen Köpfe nur durch das schmale Gitter drücken. Ein paar Kränze, ein Mosaik – mehr gab es nicht zu sehen. Heute, zwanzig Jahre später, werde ich wieder zum Sowjetischen Ehrenmal gehen und mir ansehen, wie die Menschen heute mit diesem Jahrestag umgehen. Den „Tag der Befreiung“ zu vergessen, fiel zu DDR-Zeiten recht schwer, da jeden Mittwoch um 13 Uhr die Sirenen für eine Minute heulten, um daran zu erinnern.
Für Russland endet der Krieg gegen Deutschland erst am neunten Mai, da die Kapitualtionserklärung in Berlin Karlshorst erst einen Tag nach Kriegsende ein zweites Mal unterzeichnet wurde.
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