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Montag, August 02, 2010

Zitat des Tages

Den ganzen Tag im Café verbringen und abends weggehen. Das fühlt sich schon sehr gut an.
Schauspieler und Bötzowviertelbewohner Daniel Brühl heute in der Bingo-B.Z., S. 10

Freitag, Juni 20, 2008

Die Bibliothek in der Esmarchstraße macht wieder auf

Nicht ganz hürdenlos war der Weg zur Wiedereröffnung der Kurt-Tucholsky-Bibliothek im Bötzowviertel. Der Bürgerverein Pro Kiez Bötzowviertel hat ein halbes Jahr dafür gekämpft. Jetzt sollen ehrenamtliche Mitarbeiter den Bibliotheksbetrieb weiterführen. Das ruft bei vielen Bibliotheksnutzern und Mitarbeitern gemischte Gefühle hervor. Einerseits ist die Freude groß, eine Bibliothek gerettet zu haben, andererseits schlummert da auch die Angst, das Land könne die falschen Schlüsse aus der ehrenamtlichen Rettungsaktion ziehen und nach und nach alle Profi-Bibliothekare in existenzbedrohten Bibliotheken gegen ehrenamtliche Mitarbeiter oder ALG2-Empfänger austauschen. Dieser Problematik ist man sich bei Pro Kiez e.V. bewusst. Deshalb wollen sich die Bücherretter dafür einsetzen, "dass Berlin die notwendigen Mittel zur Verfügung stellt, damit auch in der Kurt-Tucholsky-Bibliothek in der Zukunft wieder richtige Bibliothekare arbeiten können".



Für die Eröffnungsfeier am 28. Juni haben sie sich eine ganze Menge einfallen lassen.
Gegen 11 Uhr kommt Kulturstadtrat Dr. Michail Nelken. Jeweils um 13.30 Uhr und um 15 wird durch die Bibliothek geführt. Höhepunkt ist eine Lesung mit Star-Autor Ingo Schulze um 20 Uhr. Dazwischen gibt es Essen, Trinken und Musik, eine Lesequiz, Bastel,- Schmink- und Verkleidungsaction für Kinder.Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen

Freitag, Mai 30, 2008

Das Holzhaus in der Esmarchstraße

Die Decken und Fußböden sind aus Fichtenholz, das Tragwerk und die Wände ebenfalls. Bei einer Blockhütte verwundert das nicht. Doch bei dem Haus in Berlin handelt es sich um einen Siebengeschosser für sechs Familien mitten in der Stadt. Die Architekten sagen, ihr Werk sei weltweit einzigartig.

Äußerlich hebt sich das 22 Meter hohe, siebengeschossige Gebäude an der Esmarchstraße 3 in Berlin-Prenzlauer Berg lediglich durch seine moderne Fassadengestaltung von der angrenzenden Bebauung aus der Gründerzeit ab.

Ein siebengeschossiges Wohnhaus aus Holz ist in Berlin fertiggestellt worden. Nur in der Schweiz stehe bereits ein vergleichbarer Bau mit sechs Geschossen, sagte Tom Kaden vom verantwortlichen Berliner Architekturbüro Kaden und Klingbeil. Bauherr des 2,25 Millionen Euro teuren Hauses aus Fichtenholz sind sechs Familien, die bereits eingezogen sind. Für den Siebengeschosser im Stadtteil Prenzlauer Berg habe man sogar die Berliner Bauordnung umgehen müssen, die nur Holzbauten mit einer Höhe bis zu fünf Geschossen vorsehe, erläuterte Kaden.

Nicht nur Decken und Fußböden - wie sonst im "steinernen Berlin" üblich - sondern auch Tragwerk und Wände sind aus Holz. Von außen ist das Gebäude nicht als Holzhaus erkennbar. Im Gegenteil, das Stadthaus mit der kubischen Aufteilung der Fassade ist betont modern gehalten und steht im Kontrast zur gründerzeitlichen Bebauung in der Straße. Die Fassade erhielt eine Dämmung aus Steinwolle und wurde verputzt. Die Wohnungen haben eine Größe zwischen 120 und 150 Quadratmetern.

Gefunden hat sich die Baugruppe über Annoncen, Aushänge und Mund-zu-Mund-Propaganda. Alle Beteiligten teilten von Anfang an die Idee einer ökologischen und nachhaltigen Bauweise, an der sie auch konsequent festhielten. Im Herbst 2005 entdeckten sie schließlich das Grundstück in der Esmarchstraße, das der Bezirk erst kurz zuvor aus der Freiflächenplanung gestrichen hatte.

Sonntag, Mai 04, 2008

Bibliothek bleibt dicht

Leider konnte die Kurt-Tucholsky-Bibliothek in der Esmarchstraße bisher noch nicht wiedereröffnet werden, denn es müssen noch technische und rechtliche Belange gerklärt werden. Es bleibt zu hoffen, dass im Laufe des Mai die noch offenen Fragen beantwortet werden und dann die Bibliothek wieder den Nutzerinnen und Nutzern zur Verfügung steht.

Dienstag, April 29, 2008

Ich kenne keinen Ludwig Trepte, aber er spazierte neulich durchs Bötzowviertel, mit der Welt

Er ist erst 19 Jahre alt und schon Grimme-Preisträger und Gewinner der Goldenen Kamera als bester Nachwuchsschauspieler. Unterwegs mit Ludwig Trepte in Prenzlauer Berg. In seinem Viertel, das für ihn das Mystische verloren hat

Ludwig Trepte überlegt lange, bevor er eine Antwort gibt. Er ringt mit sich. Nicht, dass er nicht weiß, was er sagen soll, nein, er sucht nach den Worten, die am treffendsten beschreiben, was er denkt. Und Ludwig Trepte denkt viel, er macht sich Gedanken über Waisenkinder in Peru, über die Figuren, die er als Schauspieler verkörpern soll sowieso, über Talent, Besitz, Verlust. Während andere 19-Jährige vielleicht versuchen, bei möglichst vielen Mädchen zu landen, sagt Ludwig Trepte Dinge wie "Liebe ist unausweichlich". Er meint das ernst.

Treffpunkt ist die Hufelandstraße in Prenzlauer Berg. Der Bötzowkiez, bei starkem Wind heute und Sonnenschein. Ludwig Trepte ist hier aufgewachsen.

Ludwig Trepte - vielleicht kennt nicht jeder seinen Namen, aber dieses Gesicht, ausdrucksstark, mit ernsten, braunen Augen, interessiert, erwachsen, trotzdem neugierig, verschmitzt, das kennt man. Von der Kinoleinwand, aus dem Fernsehen, dem Tatort "Schatten der Angst" zum Beispiel, der im türkischstämmigen Milieu in Ludwigshafen spielte und dessen Ausstrahlung wegen der Brandkatastrophe in einem Ludwigshafener Wohnhaus, bei dem neun Türken ums Leben kamen, um acht Wochen auf Anfang April verschoben wurde. Ludwig Trepte, 1,69 Meter groß, braune Locken bis über die Ohren, Lederjacke, Jeans. Eine Zigarette rauchend steht er da, zehn Minuten vor der verabredeten Zeit.

Seine Eltern, die Mutter eine Ergotherapeutin, der Vater, Stefan Trepte, ein bekannter Musiker in der DDR-Rockszene, hatten eine Wohnung nicht weit vom Treffpunkt, in der Pasteurstraße, einer Parallelstraße der Hufelandstraße. Bis sich die Eltern trennten, das war, als Ludwig Trepte fünf Jahre alt war, lebten sie hier zu dritt zusammen, danach weiter zu zweit.

Er kennt jede Ecke zwischen Volkspark Friedrichshain und Greifswalder Straße. Bilder kommen in ihm hoch, als wir in die Esmarchstraße einbiegen, Kindheitserinnerungen. Hier ist seine Grundschule, hier wohnten seine Freunde, hier war sein Kiez. Das Straßenbild habe sich stark verändert, sagt Ludwig Trepte.

An den Mauerfall kann er sich natürlich nicht erinnern, er war zu jung, aber an die alten Häuser, die schmutzig grauen und die braunen bröckelnden Fassaden im Oststadtteil Prenzlauer Berg. Jetzt: überall Baustellen, Gerüste. Die meisten Häuser strahlen in frischen Pastellfarben, unsanierter Baubestand ist kaum noch zu sehen. Ludwig Trepte bedauert das. "Das Rustikale, das Mystische verschwindet", sagt er. Er mochte das, rustikal und mystisch. Scheinbare Gegensätze, aber nur auf den ersten Blick. Straßenzüge, die etwas erzählen. Ein altes Haus mit unsanierter Fassade fällt ihm ein, das Foto will er unbedingt vor eben diesem Haus machen.

An der Ecke Esmarch-/Liselotte-Herrmann-Straße bleiben wir stehen. Das "Esmarch-Eck" hat noch geschlossen, es ist früher Vormittag. Draußen wirbt eine Tafel mit der "Lady's Night, jeden Donnerstag!". "Hat was von einer Stampe", sagt Ludwig Trepte und zündet sich eine weitere Zigarette an. Stampe, damit meint er so etwas wie Spelunke, eine urige Eckkneipe mit vielen Stammgästen und kaum Laufkundschaft. "So eine Bar, in der ein Detlef und ein Harald am Tresen sitzen, Abend für Abend."

Er meint sich zu erinnern, dass "Der Rote Kakadu" hier gedreht wurde, ein DDR-Liebesdrama mit Jessica Schwarz, Max Riemelt und Ronald Zehrfeld in Hauptrollen. Ludwig Trepte war damals, 2004, nicht dabei. "Leider", sagt er.

Er hätte dabei sein können, er wusste schon früh, dass er es ernst meint, mit der Schauspielerei. Im Alter von zwölf Jahren spielte Ludwig Trepte im "Tatort" mit, "Bienzle und der heimliche Zeuge". Um ungehindert drehen zu dürfen, verließ er das Gymnasium, mit 16 machte er seinen Realschulabschluss und ließ die Schule bleiben. Seither hat er jedes Jahr mehrere Filme gedreht, insgesamt sind es jetzt 20. Am kommenden Mittwoch startet sein neuester Film "1. Mai - Helden bei der Arbeit" in den Kinos. Er nimmt privaten Schauspielunterricht, er sagt: "Ich halte nichts von Naturtalent."

Den Beruf ernst nehmen, das bedeutet für Ludwig Trepte: Mit seiner Lehrerin Sigrid Andersson Drehbücher durchgehen, Szenen proben, die Rolle kennenlernen, unermüdlich ist er da. "Zuerst liest man das Drehbuch, liest das Drehbuch, liest das Drehbuch - immer und immer wieder." Um ein Gefühl für die Figur zu bekommen, die er spielen soll, zu verstehen, wie sie tickt. "Das Drehbuch ist das Skelett, man selbst gestaltet das Fleisch, den Charakter", sagt er. Inspiration findet er auf Spaziergängen, in der Natur, aber auch unter Menschen, auf der Straße. "Schauspielerei hat viel mit Beobachten zu tun, es ist wichtig, mit offenen Augen durch das Leben zu gehen, neugierig zu sein." Um sich in eine Figur hineinzuversetzen, brauche er "manchmal nur eine Unterhose". Ein Kleidungsstück, um die Rolle zu verinnerlichen. "Dann wieder wühlt man tage- und nächtelang, bis irgendwann endlich das richtige Gefühl da ist." Er liest und fühlt und erneuert sich ständig. Stehen bleiben, das wäre für Ludwig Trepte wohl der Anfang vom Ende.

Wir gehen die Liselotte-Herrmann-Straße entlang in Richtung Friedrichshain. Er halte es mit Sokrates, sagt er: "Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden." Dabei ist dieser 19-Jährige, der viel älter wirkt als Altersgenossen, schon so vieles: Ausgezeichnet mit der Goldenen Kamera als bester Nachwuchsschauspieler, Adolf-Grimme-Preisträger (für "Guten Morgen, Herr Grothe"), Max-Ophüls-Preisträger (für seine Rolle in "Keller - Teenage Wasteland"). Trotzdem: Bloß nicht ausruhen. "Ausruhen heißt stehen bleiben", sagt er. Ludwig Trepte will lernen, und zwar von den Besten.

Mit Henry Hübchen drehte er ("ein unglaublich präziser Perfektionist"), mit Ulrich Mühe ("der pausenlos gearbeitet hat"), mit Götz George ("sehr introvertiert, sehr zurückgezogen, immer perfekt vorbereitet"). Und von allen nahm er etwas mit, lernte von ihnen. Die Leidenschaft, die Intensität, die Unermüdlichkeit - das alles steckt in ihm. Bei der Arbeit findet er Gleichgesinnte.

In einem der vielen Interviews kurz nach der Verleihung der Goldenen Kamera sagte er, die Anfragen von Journalisten würden mehr, doch an Rollenangeboten käme "genauso viel Mist wie vorher". Ja, der Mist, sagt er nun und überlegt lange, die inzwischen vierte Zigarette im Mundwinkel, mit "Mist" habe er Dinge gemeint, die ihn nicht weiterbringen - "momentan". "Ich bin natürlich gerade in einer Situation, in der ich zeigen muss, warum ich diese Auszeichnungen bekommen habe", sagt er und raucht. "Auch mir selbst."

Das Problem seiner Branche sei, sagt er, dass es "unglaublich viele Schauspieler und wenig gute Rollen" gebe. "Das muss schon ein großer Traum sein." Der Traum von Ludwig Trepte, ein guter Schauspieler zu sein, ist groß. Groß genug, um das alles, den Konkurrenzdruck, den Neid, die Kritik, auszuhalten. Sich weiterzuentwickeln. Nie stehen zu bleiben.

Entlang der Westseite des Parks spazieren wir in Richtung St. Bartholomäus-Kirche die Straße Am Friedrichshain herunter. Ludwig Trepte fingert die fünfte Zigarette aus der Schachtel. Hier, zwischen Häuserfronten auf der einen und Bäumen auf der anderen Seite, weht der Wind besonders stark. Die Glut frisst sich durch das Zigarettenpapier. Ludwig Trepte raucht in kurzen Zügen. "Ich bin auf der Suche nach dem, was ich wirklich will", sagt er plötzlich. "Ich meine, was mich treibt, wer ich bin", sagt er und holt gleich die nächste Zigarette hervor. "Ich gerate immer wieder ins Strudeln."

Er meint nicht so ein gefährliches, lebensbedrohendes Strudeln. Es könne auch etwas Gutes sein, sich neu zu entdecken, sich neu zu erfinden. Findet er. "Das ist wichtig für diesen Beruf." Halt in diesem ewigen Strudel gebe ihm die Liebe. Auch so ein Thema.

Intensiv lebt er auch sie. Während der Dreharbeiten zum Film "Ein Teil von mir", in dem er mit Karoline Teska ein jugendliches Paar spielte, verliebten sich die beiden Hauptdarsteller ineinander. Er sagt: "Karoline ist die Liebe meines Lebens." Eine junge Schauspielerin, die privat niemandem etwas vorspiele. Er überlegt kurz, "sie ist wahrhaftig", sagt er dann.

Die beiden wohnen in einer Altbauwohnung ganz in der Nähe, im Kollwitzkiez. "Liebe ist plötzlich da", sagt Ludwig Trepte, seine dunklen Augen strahlen. "Sie trifft einen, wenn man sie nicht erwartet, und dann ist es wie eine Explosion." Und man selbst, mittendrin, könne nichts mehr dagegen tun. Liebe eben, unausweichlich.

(lokale Kopie; Welt am Sonntag)

Montag, April 14, 2008

Esmarchstr.: In der Bibliothek wird ausgepackt

Wojciech Kuczok, Star der jungen polnischen Literatur, erhielt für seinen ersten Roman Gnój (Dreckskerl) 2004 den NIKE, den bedeutendsten polnischen Literaturpreis. Gabriele Leupold und Dorota Stroinska lesen aus ihrer ebenso preisverdächtigen Übersetzung des Romans und
berichten von der laufenden Arbeit an Kuczoks Essayband Höllisches Kino.

Was entsteht, wenn zwei Übersetzerinnen mit zwei Muttersprachen – in diesem Falle Deutsch und Polnisch – gemeinsam an einem Text arbeiten: ein Stoßmichziehdich? Oder eine Übersetzung, die alle Möglichkeiten beider Sprachen nutzt? Sind sprachübergreifende Übersetzertandems nur eine praktische, bequeme Form der Zusammenarbeit oder erreicht die Übersetzungskunst damit eine neue Stufe?

Der Roman Dreckskerl (Suhrkamp 2007) erzählt von den dramatischen Wendungen der deutschen und polnischen Geschichte im 20. Jahrhundert, deren Gewalt sich im privaten Leben der Familie K. fortsetzt. Höllisches Kino widmet sich in kurzen Essays europäischen Filmen, die an Tabus rühren und die Schwelle des Erträglichen überschreiten. In beiden Texten sind es besonders die Wortspiele, die Lakonie und die an Thomas Bernhard erinnernden Wiederholungen, die das Übersetzen
reizvoll machen.

Gabriele Leupold, *1954, übersetzt vor allem aus dem Russischen (u. a. Andrej Belyj, Vladimir Sorokin, Warlam Schalamow) und ist daneben auch als Moderatorin, Autorin und Herausgeberin tätig. 2003 erhielt sie für ihre Neuübersetzung von Belyjs Petersburg den Celan-Preis. Sie ist
Koautorin der Video-Dokumentation Spurwechsel. Ein Film vom Übersetzen (2003) und Mitherausgeberin des Bandes In Ketten tanzen. Übersetzen als reproduktive Kunst (Wallstein 2008).

Dorota Stroinska, *1965 in Poznan/Polen, studierte Neuere Deutsche Literatur, Slawistik und Linguistik in Poznan und an der FU Berlin. Seit 1994 übersetzt sie vor allem aus dem Deutschen ins Polnische (u.a. Karl Jaspers, Friedrich Nietzsche, Rüdiger Safranski, Lutz
Seiler, Undine Gruenter). 1998 erhielt sie den Übersetzerpreis des polnischen Übersetzerverbandes.

Freitag, 25. April 2008 um 20 Uhr
Kurt-Tucholsky-Bibliothek Prenzlauer Berg
Esmarchstraße 18
10407 Berlin
Eintritt frei!


www.auspacken.org

Freitag, März 14, 2008

Bibliothek gerettet und doch nicht gerettet

Alles muss man selber machen.
Nach Protesten der Bürger im Bötzowviertel wird die Kurt-Tucholsky-Bibliothek in der Esmarchstraße wahrscheinlich doch wiedereröffnet. Zum Jahreswechsel wurde die Leihbücherei geschlossen. Das benötigte Personal passte nicht mehr ins gekürzte Budget. Die Pankower Bezirksverordnetenversammlung beschloss am Mittwoch, vom Verein Pro Kiez ab April durch 30 ehrenamtliche Mitarbeiter weiterbetreiben zu lassen. Träger und Besitzer bleibt das Bezirksamt.
Ein Notlösung ist keine Lösung. Schlimm, wenn dieses Beispiel Schule macht und Bezirksämter bei existenzbedrohten Bibliotheken zukünftig gleich prüfen, ob man diese nicht ehrenamtlich betreiben könnte.

Sonntag, Oktober 28, 2007

Vom Arbeiterbezirk zur Bobotown

Arkaden oder Arcaden – das bleibt stets die Frage. Für die k-Version entschied man sich 1998 am Potsdamer Platz, beim c blieb es in den 1999 eröffneten Schönhauser Allee Arcaden. Beiden gemeinsam ist, dass die so betitelten Heimstätten der modernen Warenwelt mit den namensstiftenden klassischen Bogengängen wenig gemein haben. An sich lag es nahe, in der Schönhauser Allee, schon vor der Wende eine Einkaufsmeile, genau am Schnittpunkt von Tram, Bus, U- und S-Bahn, ein Einkaufszentrum zu bauen – direkt über dem S-Bahnhof, der dank eines Umbaus von 1962 auch vom Hochbahnhof der U-Bahn bequem zu erreichen ist. Im hinteren Teil des Geländes befand sich vorher ein großer Marktplatz mit Einzelhändlern. Er ist ebenso verschwunden wie der Flachbau rechts, in dem sich eines der wenigen, dafür umso begehrteren Ost-Berliner Fachgeschäfte für Meeresfrüchte befand: „Alles vom Fisch.“ Das historische Foto, aus einer Zeit, als man dort Zebrastreifen für die Fußgänger für ausreichend hielt, entstammt dem Bildband „Berlin-Ost. Das letzte Jahrzehnt“ von Thomas Uhlemann (Sutton Verlag, 127 S., 19,90 Euro).

DIE ERSTEN

Die Mauer öffnete sich 1989 zuerst an der Bornholmer Straße. Das war nur gerecht, galt doch schon zu DDR-Zeiten Prenzlauer Berg als Hort der Unangepassten, alles andere als Stromlinienförmigen. „Berlin Ecke Schönhauser“ hieß kaum zufällig in den fünfziger Jahren ein Ost-Kinohit über eine aufmüpfige Jugendgruppe. Später verband man den alten Bezirk vor allem mit Dichtern, Studenten, Kulturgruppen – noch später mit Oppositionellen, die sich in Zions- und Gethsemanekirche sammelten. Und auch heute geht der Stadtteil politisch eigene Wege: Bei der Abgeordnetenhauswahl 2006 gewannen in zwei von vier Wahlbezirken Grünen-Politiker. Damit bekamen erstmals im Ostteil der Stadt die Bündnisgrünen ein Direktmandat.



DIE SPORTLICHEN

Sport ist Mord – das gilt nicht für Prenzlauer Berg. International wichtige Wettkampfstätten sind hier zu Hause. Im Velodrom fanden 1999 die Bahnweltmeisterschaften im Radsport statt. Nebenan liegt die Schwimm- und Sprunghalle im Europapark. Beide Gebäude wurden für die Olympiabewerbung 2000 gebaut. Weichen musste dafür die Werner-Seelenbinder-Halle, in der viele SED-Parteitage stattfanden. Das Basketball-Team von Alba hat in der Max-Schmeling-Halle seine Heimat. Fußball-Bundesligist Hertha BSC hat in Prenzlauer Berg seine Wurzeln: 1892 wurde der Verein in der Kastanienallee gegründet.



DAS GERÜCHT

Wer sagt, im Prenzlauer Berg gebe es massenhaften Zuzug? Zumindest mit Zahlen lässt sich das nicht belegen. Bevölkerungsaustausch trifft es schon eher: Alteingesessene gehen, vor allem junge Familien und besser verdienende Singles kommen. Der Ortsteil des Reformbezirks Pankow wuchs von 1991 bis 2006 nur um 879 Bewohner. Drastischer ist der Verlust, den er seit 1961 hinnehmen musste. Damals wohnten hier fast 207 000 Menschen, heute sind es knapp 145 000. Aus maroden Häusern wurden sanierte Vorzeigeobjekte. Falkplatz und Helmholtzplatz wurden 1999 in das Quartiersmanagementverfahren eingebunden. Die Maßnahme wirkte. Selbst Stars wie Heike Makatsch oder Daniel Brühl entdeckten Prenzlauer Berg für sich. Und wieder spielte dort ein Kinohit: „Sommer vorm Balkon“.

LITERATUR

Die Mauer war weg, und Robert Liebling, Rechtsanwalt, machte sich gen Osten auf: Aus „Liebling Kreuzberg“ wurde zeitweise „Liebling Prenzlauer Berg“. Ulrich Plenzdorf ersann diese Folgen der TV-Serie, formte daraus auch Bücher – schade, es gibt sie nur noch antiquarisch. Über diese Quelle kann man auch Daniela Dahns „Prenzlauer Berg-Tour“ von 1987 beziehen – und sie mit der bei Rowohlt 2001 erschienenen Wiederauflage vergleichen. Auf die Gegend um den Helmholtzplatz konzentrieren sich die Autoren in dem Band „Prenzlauer Berg im Wandel der Geschichte“ (hrsg. von Bernt Roder und Bettina Tacke, be.bra Verlag), die Perspektive reicht von den Hinterhöfen der Kaiserzeit bis zur Mahnwache in der Gethsemanekirche im Oktober 1989 und den baulichen Veränderungen der Nachwendezeit. Vor allem Zeitzeugen kommen in „Berlin Prenzlauer Berg – Alltag und Geschichte 1920 – 1970“ von Jan Jansen zu Wort (Sutton Verlag). ac / mj

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 28.10.2007)