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Sonntag, Juni 29, 2008

Carl-Legien-Stadt wird vielleicht Welterbe


Das Welterbekomitee tagt in der ersten Juli-Woche im kanadischen Québec. Berlin hat sich mit sechs Objekten bei der UNESCO beworben. Mit dabei ist die Wohnstadt Carl Legien von Franz Hilliger und Bruno Taut. Oft wird die Siedlung aus den Zwanzigern als ausschlaggebend für den sozialen Wohnungsbau bezeichnet. Das Konzept einer Arbeitersiedlung mit kleinen Wohnungen und großen und gemeinschaftsfördernden Höfen ging jedoch nie so richtig auf. Die Siedlung wurde von Anfang an eher von Beamten aus unteren Diensträngen bewohnt. Den klassischen Arbeiter fand man hier nur selten. Foto: wikipedia, SpreeTom (CC)
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Donnerstag, März 06, 2008

Teuer Wohnen am Kollwitzplatz

Wer im Prenzlauer Berg wohnen will, lässt es sich was kosten, auch wenn er wenig hat. In Reinickendorf hingegen leben die genügsamsten Mieter. Das sind einige der Ergebnisse des dritten Berliner Wohnmarktreports. Im Schnitt sind zudem die Mieten in Berlin gestiegen - und werden weiter steigen.

Viele Berliner geben mehr als die Hälfte ihres Einkommens für die Miete aus. Besonders hohe Belastungen hatten die Bewohner des Quartiers um die Friedrichstraße und Unter den Linden aufzubringen. Im Durchschnitt geben sie für die Kaltmiete 49,6 Prozent ihres Einkommens aus, für die Warmmiete sogar fast 60 Prozent. Viele Reinickendorfer hingegen wenden nur 14 Prozent ihrer monatlichen Einkünfte für das Wohnen auf. Diese Unterschiede zeigt der Berliner Wohnkostenatlas, den die Wohnungsbaugesellschaft GSW gemeinsam mit der Immobilienberatung Jones Lang LaSalle (JLL) erstellt hat.

Die Mitte-Bewohner im Postleitzahl-Bezirk 10117 verfügen zwar mit 2210 Euro über Einkommen über dem Berliner Durchschnitt, müssen doch für die Wohnungen in nobler Lage im Schnitt 1097 Euro ausgeben. In den Altbauquartieren in Prenzlauer Berg und in Friedrichshain müssen bei monatlichen Einkommen von durchschnittlich 1679 Euro Mieten von 914 Euro aufgebracht werden. "Diese Wohngegenden sind angesagt, die Bewohner sind bereit, einen relativ hohen Einkommensanteil zu investieren", stellt Thomas Zinnöcker fest.

Ein überraschendes Ergebnis der Studie ist, dass die Wohnkostenbelastung gerade in vielen bürgerlichen Außenbezirken besonders niedrig ist. In Alt-Wittenau, in Reinickendorf, beispielsweise wenden die Haushalte bei einem Nettoeinkommen von 2423 Euro im Schnitt nur 501 Euro für ihre Wohnung auf - das sind nur 20,7 Prozent ihres Einkommens. "Theoretisch könnten die Bewohner einen deutlich größeren Anteil ihres Einkommens fürs Wohnen aufwenden, wollen dies aber offensichtlich nicht. Man könnte sie als lagegenügsam bezeichnen", sagt Zinnöcker.
Neukölln: Niedrige Mieten, noch geringere Einkommen

Neuköllner, Weddinger oder Marzahn-Hellersdorfer müssen im Vergleich trotz noch niedrigerer Mieten eine höhere Belastung tragen. Die Mieten sind nach dem ebenfalls von der GSW und JLL erstelltem Wohnmarktreport im zweiten Halbjahr des vergangenen Jahres um 1,7 Prozent angestiegen. Während dem Mietspiegel bestehende Mietverträge zugrunde liegen, beruht der Wohnmarktreport auf 85.989 Mietangeboten in Zeitungsanzeigen und im Internet und 1589 Kaufangeboten.

Durchschnittlich müssen Mieter derzeit 5,9 Euro pro Quadratmeter ausgeben, dazu kommen noch zwei Euro Nebenkosten. "Die Bestandsmieten liegen etwa um einen Euro darunter", sagt der GSW-Sprecher Thomas Rücker. In Mittes Nobelquartieren forderten die Vermieter 10,79 Euro pro Quadratmeter, in Marzahn-Hellersdorf dagegen gerade 4,38 Euro. Am stärksten erhöhten sich die Wohnkosten in Lichtenberg (7,6 Prozent). In Mitte gingen sie dagegen insgesamt um fast fünf Prozent zurück.

In Zukunft rechnen die Immobilienexperten mit einem weiteren Anstieg der Mietpreise. "Die Fundamentaldaten sprechen für eine erneute Aufwärtsentwicklung", vermutet der JLL-Europa-Direktor Andrew Groom. Immobilienpreise und Mieten gehen zwar mit der Konjunktur, die Umzugsentscheidung erfolge jedoch erst später. Vor allem der Rückgang der Arbeitslosigkeit dürfte sich auch auf dem Berliner Immobilienmarkt auswirken.

Sonntag, Oktober 28, 2007

Vom Arbeiterbezirk zur Bobotown

Arkaden oder Arcaden – das bleibt stets die Frage. Für die k-Version entschied man sich 1998 am Potsdamer Platz, beim c blieb es in den 1999 eröffneten Schönhauser Allee Arcaden. Beiden gemeinsam ist, dass die so betitelten Heimstätten der modernen Warenwelt mit den namensstiftenden klassischen Bogengängen wenig gemein haben. An sich lag es nahe, in der Schönhauser Allee, schon vor der Wende eine Einkaufsmeile, genau am Schnittpunkt von Tram, Bus, U- und S-Bahn, ein Einkaufszentrum zu bauen – direkt über dem S-Bahnhof, der dank eines Umbaus von 1962 auch vom Hochbahnhof der U-Bahn bequem zu erreichen ist. Im hinteren Teil des Geländes befand sich vorher ein großer Marktplatz mit Einzelhändlern. Er ist ebenso verschwunden wie der Flachbau rechts, in dem sich eines der wenigen, dafür umso begehrteren Ost-Berliner Fachgeschäfte für Meeresfrüchte befand: „Alles vom Fisch.“ Das historische Foto, aus einer Zeit, als man dort Zebrastreifen für die Fußgänger für ausreichend hielt, entstammt dem Bildband „Berlin-Ost. Das letzte Jahrzehnt“ von Thomas Uhlemann (Sutton Verlag, 127 S., 19,90 Euro).

DIE ERSTEN

Die Mauer öffnete sich 1989 zuerst an der Bornholmer Straße. Das war nur gerecht, galt doch schon zu DDR-Zeiten Prenzlauer Berg als Hort der Unangepassten, alles andere als Stromlinienförmigen. „Berlin Ecke Schönhauser“ hieß kaum zufällig in den fünfziger Jahren ein Ost-Kinohit über eine aufmüpfige Jugendgruppe. Später verband man den alten Bezirk vor allem mit Dichtern, Studenten, Kulturgruppen – noch später mit Oppositionellen, die sich in Zions- und Gethsemanekirche sammelten. Und auch heute geht der Stadtteil politisch eigene Wege: Bei der Abgeordnetenhauswahl 2006 gewannen in zwei von vier Wahlbezirken Grünen-Politiker. Damit bekamen erstmals im Ostteil der Stadt die Bündnisgrünen ein Direktmandat.



DIE SPORTLICHEN

Sport ist Mord – das gilt nicht für Prenzlauer Berg. International wichtige Wettkampfstätten sind hier zu Hause. Im Velodrom fanden 1999 die Bahnweltmeisterschaften im Radsport statt. Nebenan liegt die Schwimm- und Sprunghalle im Europapark. Beide Gebäude wurden für die Olympiabewerbung 2000 gebaut. Weichen musste dafür die Werner-Seelenbinder-Halle, in der viele SED-Parteitage stattfanden. Das Basketball-Team von Alba hat in der Max-Schmeling-Halle seine Heimat. Fußball-Bundesligist Hertha BSC hat in Prenzlauer Berg seine Wurzeln: 1892 wurde der Verein in der Kastanienallee gegründet.



DAS GERÜCHT

Wer sagt, im Prenzlauer Berg gebe es massenhaften Zuzug? Zumindest mit Zahlen lässt sich das nicht belegen. Bevölkerungsaustausch trifft es schon eher: Alteingesessene gehen, vor allem junge Familien und besser verdienende Singles kommen. Der Ortsteil des Reformbezirks Pankow wuchs von 1991 bis 2006 nur um 879 Bewohner. Drastischer ist der Verlust, den er seit 1961 hinnehmen musste. Damals wohnten hier fast 207 000 Menschen, heute sind es knapp 145 000. Aus maroden Häusern wurden sanierte Vorzeigeobjekte. Falkplatz und Helmholtzplatz wurden 1999 in das Quartiersmanagementverfahren eingebunden. Die Maßnahme wirkte. Selbst Stars wie Heike Makatsch oder Daniel Brühl entdeckten Prenzlauer Berg für sich. Und wieder spielte dort ein Kinohit: „Sommer vorm Balkon“.

LITERATUR

Die Mauer war weg, und Robert Liebling, Rechtsanwalt, machte sich gen Osten auf: Aus „Liebling Kreuzberg“ wurde zeitweise „Liebling Prenzlauer Berg“. Ulrich Plenzdorf ersann diese Folgen der TV-Serie, formte daraus auch Bücher – schade, es gibt sie nur noch antiquarisch. Über diese Quelle kann man auch Daniela Dahns „Prenzlauer Berg-Tour“ von 1987 beziehen – und sie mit der bei Rowohlt 2001 erschienenen Wiederauflage vergleichen. Auf die Gegend um den Helmholtzplatz konzentrieren sich die Autoren in dem Band „Prenzlauer Berg im Wandel der Geschichte“ (hrsg. von Bernt Roder und Bettina Tacke, be.bra Verlag), die Perspektive reicht von den Hinterhöfen der Kaiserzeit bis zur Mahnwache in der Gethsemanekirche im Oktober 1989 und den baulichen Veränderungen der Nachwendezeit. Vor allem Zeitzeugen kommen in „Berlin Prenzlauer Berg – Alltag und Geschichte 1920 – 1970“ von Jan Jansen zu Wort (Sutton Verlag). ac / mj

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 28.10.2007)